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Brot fehlte an allen Ecken und Enden

Interview von Gernot Pültz mit Gerd Evers:
1918 war Versorgungslage in der Region katastrophal

Traunstein – Verheerend war die Lage vor 100 Jahren in Traunstein und Umgebung. Mit dem Waffenstillstand von Compiègne war der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen. Die Waffen an den Fronten schwiegen – und auf dem Lande in Bayern herrschte unvorstellbare Not. Nicht nur die Versorgungslage in Traunstein und Umgebung war katastrophal, an allem fehlte es, kaum Brot hatten die Bürger, kaum Kartoffeln, kaum Gemüse. Die Menschen hatten nicht nur Hunger, sie mussten auch frieren, Holz und Kohle zum Heizen war nicht genügend da. Das Wasser in den Leitungen gefror. Und die politische Lage war angespannt. Eines Tages wehte die rote Fahne am Rathaus in Traunstein. Die Lage in der Region nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erläutert Historiker Gerd Evers aus Chieming im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Evers ist Autor des Buches „Ein eisiger, ein grausiger Gesell, dieser Krieg“ über Stadt und Bezirk Traunstein im Ersten Weltkrieg. 

Der Erste Weltkrieg ging vor 100 Jahren zu Ende. Wie reagierten die Bürger in Traunstein und Umgebung auf den Waffenstillstand von Compiègne?

Das Thema Waffenstillstand und Friedensbedingungen beschäftigte die Traunsteiner Bevölkerung spätestens, seit das Scheitern der Frühjahrsoffensive sich abzeichnete und die Anzeichen einer drohenden Niederlage sich mehrten. Mit der Erkenntnis, dass alle Anstrengungen an der Front und Opfer in der Heimat nicht zum Sieg führten, stiegen Frust und Wut, die sich auch in Kritik an der politischen und militärischen Führung äußerten. Die Folge waren Menschenansammlungen am Maxplatz, wo die Bedingungen des Waffenstillstandes erregt diskutiert wurden. Man fürchtete den Ruin und die „völlige Zerschmetterung Deutschlands“.

Wie war die Versorgungslage in der Region Traunstein?

Die Versorgungslage war katastrophal, wobei allerdings zwischen Stadt und Land unterschieden werden muss. Vor allem in der Stadt fehlte es an den notwendigsten Grundnahrungsmitteln wie Brot, Mehl, Butter, Fett, Fleisch, Zucker, sogar Kartoffeln und Gemüse. Der Staat reagierte mit zentraler Zwangsbewirtschaftung, legte monatliche Rationen zum Beispiel für Mehl und Fleisch fest, die nur über ein System von Karten bezogen werden konnten. Er setzte Höchstpreise fest und verordnete den Bauern ein Ablieferungssoll an Nahrungsmitteln. Die Bevölkerung sammelte Naturprodukte wie Obstkerne, Bucheckern, Eicheln oder Kastanien als Ersatz für Fett, Öl und Futtermittel. Hamsterkäufe, Diebstähle und Schwarzmarkt erschwerten eine gesicherte und gleichmäßige Verteilung der Nahrungsmittel. 

Welche Probleme brannten den Menschen auf den Nägeln – außer, dass sie nichts zum Essen hatten?

Die schlechte Versorgungslage führte zur Eindämmung des Fremdenverkehrs, wodurch zahlreichen Hausbesitzern die Erwerbsmöglichkeit genommen wurde. Mangel herrschte nicht nur an Nahrungsmitteln, sondern auch an Heizmaterialien. Es fehlte an Holz und Kohle. In den Häusern gefroren die Wasser- und Gasleitungen. Schuhe und Kleidungsstücke schützten nicht hinreichend vor der Winterkälte. Die Teuerung erschwerte den Erwerb von geeigneter Schutzkleidung. Trauer um die Gefallenen, die Not der Verwundeten und die Meldungen über Kriegsgräuel bewegten die Bevölkerung. Hinzu kam die Angst vor der Spanischen Grippe, die zahlreiche Opfer forderte. 

Wie war die politische Lage in der Region?

Die Traunsteiner Stadtverwaltung stand seit 1909 unter der Führung des Bürgermeisters Dr. Georg Vonficht, das Bezirksamt Traunstein wurde von seinem Vorstand Adolf Ufer geleitet. Im Kollegium der Gemeindebevollmächtigten war überwiegend das städtische Bürgertum vertreten. Im zehnköpfigen Magistratskollegium versammelten sich ausschließlich Mitglieder des gehobenen Bürgertums. Bei der Landtagswahl am 12. Januar 1919 klärten sich die politischen Tendenzen in der Traunsteiner Bevölkerung nach Parteizugehörigkeit. Die Bayerische Volkspartei (BVP) errang mit circa 38 Prozent die Mehrheit der Stimmen, allerdings nur mit geringem Abstand vor der SPD (circa 36 Prozent). Danach folgte der Bayerische Bauernbund mit rund 13 Prozent, der allerdings im Bezirk Traunstein hinter der BVP (37,5 Prozent) die zweitmeisten Stimmen (circa 35 Prozent) auf sich vereinigen konnte. 

Die Nachkriegswirren führten zur Revolution. 1919 stand München Kopf, die Räterepublik kam, die Arbeiter und Soldaten ergriffen die Macht. Erbitterte Kämpfe folgten, Blut floss, der Aufstand fand ein Ende. Wie reagierten die Menschen in Traunstein und Umgebung auf die revolutionären Vorgänge in München?

Auf die ersten Meldungen vom Sturz der bayerischen Monarchie reagierte die Mehrheit der Traunsteiner Bevölkerung mit Unverständnis und offener Ablehnung. Der Stadtmagistrat erklärte jedoch seine Bereitschaft, die Regierung Eisner zu unterstützen. In der Stadt und im Bezirk wurden Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte gebildet mit kontrollierender und beratender Befugnis. Ein Sicherheitsausschuss schützte die Bevölkerung vor Plünderungen.

Nach dem Mord an Eisner wurde am Traunsteiner Rathaus die rote Flagge gehisst zum Zeichen, dass keine gegenrevolutionären Aktionen im Gange waren. Die Stadtverwaltung und der Arbeiterrat sowie der Bezirksbauernrat stellten sich eindeutig auf die Seite der Regierung Hoffmann. Der Soldatenrat erklärte seine Neutralität in der Auseinandersetzung zwischen dem Zentralrat und der vom Landtag gewählten Regierung Hoffmann.

Nach der Ausrufung der ersten Räterepublik im April 1919 entstanden innerhalb des Soldatenrates Tendenzen zum Anschluss an die Räterepublik. Dagegen formierte sich mit Unterstützung des Bürgermeisters eine Einwohnerwehr, die am 2. Mai 1919 in einer nächtlichen Aktion das Bataillon und den Soldatenrat entwaffnete. 

Bewerten Sie doch die Revolution und Gegenrevolution – und zwar aus regionaler Sicht: Welche Auswirkungen hatten die Vorgänge in München auf den Lauf der Geschichte der Region Traunstein in den folgenden Jahren?

Im Gegensatz zu den Ereignissen in München ist die Beendigung der Rätebewegung in Traunstein ohne Blutvergießen abgelaufen. Aber aus dem Kampf gegen die Räte entstand eine rechtskonservative, teilweise autoritäre Grundhaltung, die die Erfolge der Revolution in den Hintergrund drängte. In Traunstein wurde Ende 1922 eine der frühesten NSDAP-Ortsgruppen gegründet. Die Nationalsozialisten nannten die Revolutionäre „Novemberverbrecher“ und erschwerten so die Würdigung der Revolution als Etappe der Demokratisierung. 

Interview: Gernot Pültz

 

 Der Hunger war groß im Ersten Weltkrieg und danach, das Angebot an Essbarem klein: Vor einer städtischen Lebensmittelverkaufsstelle am Maxplatz in Traunstein standen die Bürger im August 1916 Schlange.  Foto  Stadtarchiv Traunstein Gerd Evers: „Auf die ersten Meldungen vom Sturz der bayerischen Monarchie reagierte die Mehrheit der Traunsteiner Bevölkerung mit Unverständnis und offener Ablehnung.“   Foto  re

 

 

 

 

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