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„Erste Pipeline der Welt“

Hanns und Simon Reiffenstuel bauten vor 400 Jahren Soleleitung nach Traunstein 

Martin Kuglstatter: Eingebaut in die Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein waren Hebewerke – „was damals völlig neu war“. Foto: Gernot Pültz
Es war eine technische Meisterleistung. Vor 400 Jahren bauten Hanns und Simon Reiffenstuel im Auftrag des bayerischen Herzogs Maximilian eine Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein. Sie bewältigten die große Herausforderung, das Salzwasser, das für die neue Saline in Traunstein bestimmt war, über das Gebirge zu bringen. Sie errichteten eine Reihe von Hebeanlagen, die die Sole nach oben hievten, ehe sie dem natürlichen Gefälle folgend weiterfloss. Bereits die Zeitgenossen im 17. Jahrhundert staunten über das wundersame Werk. Und auch heute noch hat das einstige Projekt nichts von seiner Faszination verloren: Die Historiker würdigen die damalige Pionierleistung und sprechen im Rückblick von der „ersten Pipeline der Welt“. 

Von 1619 bis 1912 floss Salzwasser aus Reichenhall nach Traunstein. Zusammen mit dem Brennmaterial – dem Holz, das mit der Trift aus der Umgebung kam – war die Sole der Rohstoff, den die Saline für ihre Produktion benötigte. Kein anderer weiß über die Soleleitung so gut Bescheid wie Martin Kuglstatter aus Aufham, einem Ortsteil der Gemeinde Anger. Er war technischer Zeichner in der Saline Reichenhall, ehe er in den Ruhestand trat. Ein Buch über diese und die anderen Soleleitungen hat er geschrieben. Und dieser Tage nun hat er einen Vortrag gehalten, den der Historische Verein für den Chiemgau zu Traunstein in der Zieglerwirtsstube des Heimathauses veranstaltete. 

Die allererste Soleleitung war Reichenhall-Traunstein nicht. In anderen Ländern floss das Salzwasser bereits, als Bayern an den Bau ging. Im Unterschied zu allen Verbindungen, die bis dato entstanden waren, versah Herzog Maximilian I. seine Leitung jedoch mit Hebewerken – was bis dahin noch niemand hatte machen müssen, was damals also, wie Kuglstatter betonte, „völlig neu“ gewesen sei. Und so kam dann die „erste Pipeline der Welt“ zustande. 

Die „Deicheln“ waren aus Holz – und nach einer Zeit mussten die alten gegen neue ausgetauscht werden. Zur Herstellung und zum Transport war stets vor allem auch viel Muskelkraft vonnöten.  Fotos  Kuglstatter (2) / Pültz (2)Die Saline in Reichenhall produzierte bereits seit Jahrhunderten Salz, als man 1613 auf einmal neue Solequellen entdeckte. Die Krux: Salzwasser war plötzlich im Übermaß vorhanden, doch der Betrieb verfügte nicht über genügend Holz, das er gebraucht hätte, um all die Sole, die nun zur Verfügung stand, in den Pfannen zum Sieden bringen zu können. Und so fasste der Unternehmer Staat einen kühnen Entschluss: Nicht mehr das Holz sollte zur Sole kommen, sondern umgekehrt die Sole zum Holz. Geboren war die Idee, eine Soleleitung vom holzarmen Reichenhall zum waldreichen Traunstein zu bauen.

Herzog, später Kurfürst Maximilian, beauftragte Hanns und dessen Sohn Simon Reiffenstuel mit dem Bau der Soleleitung. Anfang 1617 begannen die Arbeiten. Und die beiden standen mächtig unter Zeitdruck, wollte Maximilian seine neue Saline in Traunstein doch möglichst bald in Betrieb nehmen. 

Ob jedoch tatsächlich der Kopf des Baumeisters auf dem Spiel stand, wenn er binnen zweier Jahre mit der Soleleitung nicht fertig werden sollte, bleibt dahingestellt. Wie dem auch sei – zwei Jahre später, 1619, war das Werk vollbracht. Die Soleleitung war fertig, die Saline in Traunstein, die der Herzog zeitgleich errichtet hatte, nahm ihre Produktion auf. 

Fast 300 Jahre floss Salzwasser aus Reichenhall nach Traunstein, 1874 erzeugte der Betrieb 10 649 Tonnen – so viel wie nie zuvor oder nie danach in einem Jahr. 1912 schloss der bayerische Staat das Unternehmen, das zusehends weniger Ertrag brachte. 

Genau 31,7 Kilometer lang war die Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein. Sie führte über Weißbach, Inzell und Siegsdorf. Sie bestand aus rund 8400 sogenannten Deicheln: aus etwa vier Meter langen durchbohrten Baumstämmen. Insgesamt sieben Solehebewerke waren auf dem langen Weg von Reichen- hall nach Traunstein erforderlich, zusammengerechnet hievten diese Anlagen, die in den Brunnhäusern untergebracht waren, die Sole 346 Meter nach oben. 

Mit den Hebewerken, die damals in Betrieb gingen, konnte man nach Angaben von Kuglstatter maximal jeweils einen Höhenunterschied von 60 Metern überwinden. Und weil die Leistung begrenzt war, mussten Hanns und Simon Reiffenstuel im Nesselgraben zwischen Reichenhall und Weißbach – dort war eine Differenz von 97 Metern zu bewältigen – zwei Hebeanlagen errichten: die Brunnhäuser Unter- und Obernesselgraben.

Das siebte und letzte Hebewerk stand auf der Strecke von Weißbach nach Inzell. Die Anlage Lettenklause beförderte das Salzwasser noch einmal über 50 Meter in den Hochbehälter Nagling. Und von dort floss die Sole dann dem natürlichen Gefälle folgend bis nach Traunstein. Die 31,7 Kilometer lange Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein bestand aus rund 8400 „Deicheln“: aus Baumstämmen, die man mit einem Bohrer im Inneren aushöhlte. Wie dieses „Deichelbohren“ vonstatten ging, demonstrierten Arbeiter der Saline Reichenhall in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts (unser Bild).

Dieser ersten Soleleitung, die der bayerische Staat 1617 bis 1619 anlegte, folgten in späteren Jahrhunderten weitere. Von besonderer Bedeutung war insbesondere der neue Strang, der Anfang des 19. Jahrhunderts entstand und von Reichenhall bis nach Rosenheim führte. Sie versorgte eine weitere Saline, die der Staat damals in Betrieb nahm: 1810 begann die Salzproduktion in Rosenheim. Doch auch sie war, wie sich dann herausstellen sollte, nicht auf ewig angelegt, die Stilllegung dort erfolgte 1958. Von den früheren Salinen des bayerischen Staates – auch in Berchtesgaden hatte er eine betrieben – ist heute nur noch das Unternehmen in Reichenhall übrig geblieben. Dort aber läuft der Betrieb auch schon längst nicht mehr unter seiner Regie, bereits vor vielen Jahren hat er das Werk verkauft. 

Von der „ersten Pipeline der Welt“, die der Staat mit der Schließung der Saline Traunstein 1912 außer Dienst stellte, sind heute noch überall Spuren zu finden. Einzelne Brunnhäuser stehen noch, der Staat hat sie verkauft, die neuen Eigentümer haben die Gebäude hergerichtet. Und über weite Strecken erhalten ist der Weg, der einst neben der Soleleitung angelegt worden war, damit die Brunnwärter zu den Deicheln gehen und den Durchfluss kontrollieren konnten. 

Wer mag, der kann heute auf Schusters Rappen die Strecke abgehen, die einst die Sole von Reichenhall nach Traunstein genommen hat.

Gernot Pültz

 

Ingrid Heiter-Reiffenstuhl aus Wien ist eine Nachfahrin von Hanns und Simon Reiffenstuel. Hans Helmberger, Vorsitzender des Historischen Vereins, hieß sie willkommen. Heiter-Reiffenstuhl hält die Erinnerung an die berühmten Familienmitglieder wach. 

 

 

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