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Die frühen Dorfpfarrer - Originale mit vielen Berufen 


Interessanter Vortrag von Dr. Stefan Trinkl beim Historischen Verein in Traunstein 

Der Pfarrer Joseph Lechner (1766-1832), 1802 als Pfarrvikar nach Siegsdorf gekommen und dort 1812 bei der Erhebung zur Pfarrei erster Pfarrer, hat sich in und um Siegsdorf bleibende Verdienste erworben, die sogar seine heftigen Bemühungen um den Abriss der Wallfahrtskirche Maria Eck, dieses «gräulichen Alpennestes» (Lechner) nicht in den Schatten stellen konnten. Lechner hatte nämlich viele Jahre lang regelmäßig Artikel über die Landwirtschaft im Wochenblatt des landwirtschaftlichen Vereins veröffentlicht und dabei vieles aus eigener Erfahrung wiedergegeben. «Damit gab er einen Einblick in die Landwirtschaft im Traunsteiner Raum», resümierte Dr. Stefan Trinkl bei seinem Vortrag, zu dem der Historische Verein für den Chiemgau zu Traunstein e. V. in die Zieglerwirtsstube des Heimathauses eingeladen hatte. 

Die Chiemgauer Pfarrer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten den Mittelpunkt seines Vortrags, und dabei ging Trinkl besonders auf das Dekanat Haslach ein, das damals zu den bedeutendsten im Chiemgau gehörte und bis 1850 auch Pfarrsitz der Stadt Traunstein war. Zu diesem Zeitpunkt wurden die 4490 «Seelen» von einem Pfarrer und drei Hilfspriestern in Haslach, einem Benefiziaten in Sparz sowie drei Benefiziaten, zwei Hilfspriestern und einem Salinenkaplan in Traunstein betreut. 

Baumeister und Pfarrersköchin 

Zu dieser Zeit musste sich der Pfarrer als Besitzer einer Ökonomie, also eines landwirtschaftlichen Betriebes, selber versorgen, und diese Form der Versorgung ging bis ins 20. Jahrhundert hinein. An der Spitze des Personals stand der «Baumeister», also der Verwalter der Ökonomie. Die Pfarrhaushälterin und Hilfsgeistliche gehörten weiter zum «Pfarrhof», wobei Trinkl Kuriosa aus den Memoiren des Priesters Josef Weigert aus Tirschenreuth zum Besten gab: Demnach standen diesem täglich zwei Maß Bier oder die entsprechende Menge Geld zu. Da aber kein Geld floss, sondern nur das Bier, hatte er reichlich zu tun, um sein Gehalt zu vertrinken. Da der Kooperator ein «Limonadenapostel» (Trinkl) war und den Gerstensaft nicht vertrug, stand ihm Weigert in echter «Nächstenliebe» bei. Dazu kamen aber auch noch die Pachtkosten des örtlichen Bierbrauers, der Grundstücke vom Pfarrhof gepachtet hatte und verlangte, die Leute vom Pfarrhof sollten diesen Pachtzins «abtrinken», was dem Herrn Weigert seine Leistungsfähigkeit überstieg und seine Fähigkeiten «hinwegmotivierte» (Weigert). 


Schrittmacher für die Landwirtschaft 

Trinkl erläuterte auch den Status, das hierarchische Konzept des Klerus, der nicht nur Seelsorger und Bauer, sondern auch Lehrer, Journalist und Schriftsteller, Historiker, Archäologe, Hellseher, Poet und Erfinder war. So waren beim jeweiligen Zentrallandwirtschaftsfest, das im Rahmen der 1810 erfolgten Heirat von Kronprinz Ludwig und Therese von Sachsen-Hildburghausen erstmals stattfand, oftmals Dorfpfarrer unter den Preisträgern. So der Pfarrer von Vachendorf Michael Braunmüller, der als Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Distrikts Traunstein die Vorteile einer Arrondierung und einer Verbesserung des Bodens zum «ermunternden Beispiel anderer» aufgezeigt habe, so Trinkl. 

Lehrerausbildung 

Nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht zur Zeit Napoleons wurden unter anderem Mesner und ehemalige Soldaten als Lehrer eingesetzt, deren Ausbildung sich die Pfarrer annahmen. Diese wurden vielfach als Distriktsschulinspektoren eingesetzt. Einer von ihnen war Bartholomäus Bacher (1773-1825), der selber Lehrer ausbildete sowie Lehrbücher und -sätze zu Natur- und Geisteswissenschaften, Anleitungen zum Schreibenlernen für Schüler und zur Hauswirtschaftsausbildung für Mädchen verfasste. 

Viele Pfarrer betätigten sich auch als Historiker und Archäologen wie (Johann) Joseph Wagner (1796-1871), viele Jahre Schulbenefiziat in Siegsdorf und zuletzt Wallfahrtspriester in Ising, der eine Geschichte von Maria Eck und des Landgerichts Traunstein verfasste. 


Römische Villa in Erlstätt und Münze von Kaiser Nero 

Die Anregung König Ludwigs I., die Hebung des Geschichtsbewusstseins zu fördern, nahmen viele Pfarrer auf, und so waren etwa ein Drittel des Historischen Vereins von Oberbayern Pfarrer, allein zwanzig Prozent Dorfpfarrer; wie Ferdinand Atzinger aus Inzell und Michael Braunmüller, der eine Münze aus der Zeit des römischen Kaisers Nero in Geiselprechting fand und dem Verein überließ. Der Benediktiner Antiochus Fletz, der nach der Säkularisation als Priester tätig blieb, entdeckte um 1814 die römische Villa in Erlstätt.

Übrigens erging bei der Grümndung des Traunstiener Historischen Vereins ein Aufruf an die Dorfpfarrer, sich als Pfleger dem Verein ur Verfügung zustellen. «Aufgrund ihrer Stellung und Bildung» hielt man sie für die «geeignetsten Persönlichkeiten». Historische Objekte vor Zerstörung und «Verschleppung» zu bewahren und archäologische Funde zu melden. 

Seher, Poeten und Erfinder 

Aber auch kuriose Tätigkeiten werden uns von den Dorfpfarrern überliefert. So war Alois Simon Maaß aus Tirol ein großer Hellseher und gab seine Visionen zur Zukunft unters Volk: «Wenn man ohne Pferde die Erde umfahren kann, dann geht es dem Ende zu», zitierte ihn Trinkl. 

Ein weiterer leidenschaftlicher Seher war Franz Sales Handwercher aus der Gegend um Landshut (1792-1853) mit seinem Buch «Blick in die Zukunft». Schließlich sei noch Sigmund Adam (1887-1849) erwähnt, der Pfarrer von St. Zeno in Reichenhall, der 1803 die «Liniermaschine» erfand, womit er allen damaligen Schreibern eine wichtige Handreichung gab, wie sie ihre Texte gefälliger zu Papier bringen konnten - eine Erfindung, ohne die heute kein Schüler mehr auskommen könnte, sofern er noch was anderes benützt als den Computer. 

So haben viele Dorfpfarrer aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Empfehlung Johann Michael Sailers, des Bischofs von Regensburg, beherzigt, der sinngemäß geschrieben hat: Der sittliche Charakter sei ausschlaggebend für das Ansehen des Pfarrers - und auch sein gutes Wirtschaften. Der Pfarrer solle ein Muster bilden für das gesamte Dorf. 

Hans Helmberger


 

Überreichung des Aventinus-Buches durch Alois Glück  an das Heimatmuseum

 

v.l. Jürgen Eminger, Alois Glück, Hans Helmberger

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