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„Evangelische Spuren in Traunstein“

Lutherische Puecher im Umlauf 

Alt-Oberbürgermeister Fritz Stahl hielt VortragAlt-Oberbürgermeister Fritz Stahl: „Ich denke, wir dürfen froh sein, dass wir vom Gegeneinander der Konfessionen zu Toleranz und Miteinander gekommen sind.“


Traunstein – Clement Wielandt starb anno 1591 in Traunstein. Und der Tod des Händlers aus Nördlingen, der auf einer Geschäftsreise in die Stadt an der Traun gekommen war und dort seine Augen für immer schloss, versetzte die Bürgerschaft, allen voran die Geistlichkeit, in helle Aufregung. Wo darf er beerdigt werden? Wie ist er zu bestatten? Auf seinem Sterbebett hatte sich Clement Wielandt zum Protestantismus bekannt. Und im katholischen Traunstein erregten sich die Gemüter.

Die Bestattung des toten Krämers dürfe keinesfalls auf dem Friedhof erfolgen, bestimmte Probst Urban von Baumburg. Schließlich seien solche Personen von der katholischen Kirche ausgeschlossen. Und so kam es, wie es damals offensichtlich kommen musste: Der Bürger der Freien Reichsstadt Nördlingen fand seine letzte Ruhestätte außerhalb der Friedhofsmauern.

Auseinandersetzungen im Rahmen von Beerdigungen von Bürgern, die sich zum neuen Glauben bekannt hatten, waren in Traunstein – wie in anderen Orten – in früheren Jahrhunderten keineswegs selten. Im Gegenteil, immer wieder warfen sich die Vorkämpfer der beiden Konfessionen den Fehdehandschuh vor die Füße. Gerade diese Diskussionen um Beerdigungen zeigten: Katholische und evangelische Christen waren sich früher alles ander als wohlgesonnen. Viel Wasser musste auch in Traunstein die Traun erst noch hinunterfließen, bis sich die Vertreter der beiden Konfessionen die Hände reichten und anfingen, einen anderen Umgang zu pflegen. Ganz langsam entwickelte sie sich: die Ökumene.

Über die anfängliche Abneigung wie auch über die spätere Verständigung berichtete Alt-Oberbürgermeister Fritz Stahl in einem Vortrag, den der Historische Verein für den Chiemgau zu Traunstein in Abstimmung mit der Volkshochschule Traunstein dieser Tage im evangelischen Gemeindesaal zum Jubiläum „500 Jahre Reformation“ veranstaltete. Stahl legte „Evangelische Spuren in Traunstein“, so sein Thema, frei.

die "Protestantische Kirche" (Foto Fritz Stahl)1529 schrieb sich ein Traunsteiner an der Uni in Wittenberg ein

1517 trat Martin Luther in Wittenberg mit seinen Thesen an die Öffentlichkeit. Traunstein lag weit entfernt von der Keimzelle der Reformation, doch das Beben, das Luther auslöste, erreichte in seinen Ausläufern sehr wohl auch schon bald die Stadt an der Traun. So habe sich 1529, wie Stahl berichtete, Christian Neumair, ein Bürgerssohn aus Traunstein, an der Universität in Wittenberg als Student eingeschrieben. Mehr über dessen Leben sei nicht bekannt, doch der Student in Wittenberg belege, dass es damals „lutherische Gesinnung auch in Traunstein gab“, so der Alt-Oberbürgermeister.

Mitte des 16. Jahrhunderts scheint das reformatorische Gedankengut in Traunstein Fuß gefasst zu haben. Albrecht, der bayerische Herzog, fürchtete, dass sich die neuen Anschauungen weiter breit machen. Die Geistlichen im Lande mussten auf sein Geheiß hin einen Fragebogen beantworten. Aus der Pfarrei Haslach – in ihrer Zuständigkeit lag damals auch die Stadt Traunstein – kam dann die Beteuerung, dass in der eigenen Pfarrei niemand das Abendmahl in zweierlei Gestalt – Brot und Wein – begehrt habe, aber „in der Stat seien deren bey 10 oder 12 Personen“. Der Benefiziat in der Stadt habe dann allerdings abgewunken: „Ich hab keinen so gespaist, wiewo mans begere.“

Laut Stahl haben die Bürger in Traunstein im 16. Jahrhundert Luther nicht nur dem Namen nach gekannt, sondern sehr wohl auch über seine Lehre Bescheid gewusst, die er schwarz auf weiß zu Papier gebracht hat. So habe die vom Landesherrn angeordnete „Visitation“ in der Stadt – die Kontrolle der Bürger – auch zu folgendem Vermerk im Protokoll geführt: „Etliche Burger sein hie, so lutherische Puecher haben.“

Im Zeitalter der Gegenreformation – im 17. Jahrhundert – blies den Anhängern der Reformation heftiger Gegenwind ins Gesicht. In Bayern war die Zeit geprägt von Kurfürst Maximilian I., der die katholische Kirche wie kein anderer verteidigte. In diesen Jahrzehnten, da sich die alte Kirche gegen die neue in Position brachte, verloren sich die evangelischen Spuren in Traunstein. Auch im 18. Jahrhundert war von reformatorischem Gedankengut nicht viel zu lesen und zu hören. Allein die Beerdigung von Lutheranern, die auf der Durchreise in der Stadt gestorben waren – wie etwa der Leinenwebergeselle Andreas Gruber 1737 – führte wie in früheren Zeiten immer wieder einmal zu Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der beiden christlichen Kirchen.

Im 19. Jahrhundert gewannen dann tolerante Strömungen die Oberhand, die evangelischen Spuren in der Stadt verdichten sich. Erste evangelische Gottesdienste werden gehalten, zuerst in der kleinen katholischen Kirche in Heilig Geist vor den Toren der Stadt, später dann in der Wohnung des königlichen Materialverwalters Karl Hoffmann. Immer größer wird die Zahl der evangelischen Christen. „Am 15. Mai 1858, dem Sonntag Jubilate, werden 300 Gottesdienstteilnehmer, davon 190 Abendmahlgäste, gezählt“, so Stahl. Dringend nötig gewesen sei ein größeres Lokal, die Hoffmannsche Wohnung habe die Menschenmenge nicht mehr fassen können.

1897 bis 1899 entstand die „Protestantische Kirche“Die Auferstehungskirche, gebaut in den Jahren 1897 bis 1899, bildet den Mittelpunkt der evangelischen Kirchengemeinde. Der Bereich am Gotteshaus erhielt in diesen Tagen den Namen „Martin-Luther-Platz“.(Foto: Redaktion Chiemgau Zeitung)

Im Kurhaus fand die evangelische Gemeinde ein Quartier, später durfte sie dann auch im Rathaus Gottesdienste feiern. Schließlich jedoch ging sie daran, sich ein eigenes Gotteshaus zu bauen. 1891 erwarb ein eigens zu diesem Zweck gegründeter Verein ein Grundstück an der heutigen Crailsheimstraße. Bauamtsassessor Alfred Stamm entwarf die Pläne, die dann 1897 bis 1899 ihre Verwirklichung fanden. Das Gotteshaus, das man zunächst als „Protestantische Kirche“ bezeichnete und das erst 1961 den Namen „Auferstehungskirche“ erhielt, habe, so das Urteil von Kunsthistoriker Herbert Weiermann hundert Jahre später, „zu den besten Schöpfungen der Neugotik in Oberbayern“ gehört.

Im 20. Jahrhundert wuchs die Gemeinde und ihre Verfestigung in der Gesellschaft. Notzeiten hinterließen ihre Spuren, wie andernorts auch spaltete die NS-Diktatur auch die Gemeinde in Traunstein. Mehrheitlich begrüßten die evangelischen Christen die Machtübernahme durch Adolf Hitler, später dann schlug die Stimmung ins Gegenteil um.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entfaltete sich das Gemeindeleben. 1949 entstand ein Mädchenwohnheim, das auswärtigen Schülerinnen den Besuch weiterführender Schulen in Traunstein ermöglichte, 1954 ein großes, modernes Altersheim, das Haus „Wartberghöhe“. Und vor allem: Über eine alte Feindschaften breitete man den Mantel der Geschichte: Die Ökumene nahm Gestalt an. „Ich denke, wir dürfen froh sein, dass wir vom Gegeneinander der Konfessionen zu Toleranz und Miteinander gekommen sind“, sagte Stahl. „Wir dürfen froh sein, dass die Beziehungen zwischen den Kirchengemeinden Traunsteins nicht nur in Ordnung sind, sondern sich heutzutage endlich freundschaftlich gestalten.“  

Gernot Pültz (Chiemgau Zeitung)

 

 

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