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Geschichten aus früheren Zeiten 

Lustmolch begehrt „unrechte Sachen“ 

Heimatforscher Albert Rosenegger erläuterte anhand von Grabplatten Lebensläufe in der Stadt Traunstein Albert Rosenegger (Foto: Gernot Pültz).


Wie ungerecht die Welt doch sein kann! Die Opfer des Salzmaieramtskassiers und Sudschreibers Joseph Friedrich Käser, der Anfang des 18. Jahrhunderts in Traunstein sein Unwesen getrieben hat, müssen vor Wut geschäumt haben. Käser hatte sie massiv bedrängt und unsittlich berührt, doch das Gericht ließ den hohen Herrn der Salinenverwaltung in Traunstein laufen. 

Grabplatte an der  Kirche St. Georg und Katherina im StadtparkWer sich die Grabplatten, die an den Wänden der Kirche St. Georg und Katherina im Stadtpark hängen, genau anschaut, die Namen liest und in Archiven stöbert, der stößt auf so manche Geschichte. Heimatforscher Albert Rosenegger hat sich die Mühe gemacht und die Ergebnisse nun in einem Vortrag erläutert, den der Historische Verein für den Chiemgau zu Traunstein im Heimathaus veranstaltete. 

Der heutige Stadtpark war früher ein Friedhof gewesen. 1639 fand der erste Verstorbene seine letzte Ruhestätte auf dem Gottesacker, der damals vor den Toren der Stadt lag. Auf dem Gräberfeld errichtete man eine Kirche: St. Georg und Katherina. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgte dann die Auflösung der Begräbnisstätte, an ihre Stelle trat der heutige Waldfriedhof. Stehen blieb St. Georg und Katherina. In heutiger Zeit dient das Gotteshaus als Kriegergedächtniskirche. 

40 Grabplatten hängen an den Wänden in der Kirche, mehr als 40 außen. Jahrhunderte alt, wie sie sind, nagt der Zahn der Zeit an ihnen. Manche Inschriften sind kaum oder gar nicht mehr lesbar. Doch der Förderverein Alt-Transtein stemmt sich nun gegen den Verfall: Auf sein Betreiben hin erfahren die Grabplatten eine Restaurierung. 


Ein Pfarrer mit großer Energie und Tatkraft 

Diese „steinernen Zeugen“ aus längst vergangenen Zeiten seien, wie Rosenegger ausführte, ein „unglaublicher Schatz“. Wer ihn hebt, so die feste Überzeugung des Heimatforschers, Max-Fürst-Preisträgers und Kreisarchivars aus Haslach, der entdeckt Geschichte und Geschichten.

Rosenegger erläuterte unter anderem, dass „Hans Distl Purger und Pindter in Traunstein“ der erste Tote gewesen sei, den man im damals neuen Friedhof zu Grabe getragen habe. Auf dessen Grabplatte steht: „Anno 1639 den 11. May ist in disen Freithoff der erste begraben (B)orden“ – und dann folgt sein Name. Den Stein habe ein Genosse in der Zunft der Binder errichten lassen – die Berufsvereinigung verband über den Tod hinaus. 1686, also viele Jahre nach dem Ablegen von Hans Distl, habe „Georg Pernrainer Purger und Pindter“ den Stein aufrichten lassen. 

Auch an manche geistliche Herren erinnern die Grabplatten – und damit zum Beispiel an Franz Xaver Schmid (1800 bis 1871). Der Domkapitular in Passau kam 1852, ein Jahr nach dem großen Brand, der die Stadt in Schutt und Asche gelegt hatte, als Stadtpfarrer nach Traunstein. In der Folgezeit hinterließ der Pfarrer, dem Zeitgenossen überaus viel Energie und Tatkraft zuschrieben, nachhaltige Spuren. So hatte Schmid laut Rosenegger „entscheidenden Anteil“ am Wiederaufbau der Stadtpfarrkirche St. Oswald und der Errichtung des Pfarrhofes.

Nicht nur in kirchlichen, auch in weltlichen Angelegenheiten hatte Schmid großen Einfluss in der Stadt. Auf dessen Betreiben habe der Magistrat beschlossen, so Rosenegger, die Volksschule nach Geschlechtern zu trennen und die englischen Fräulein als Lehrerinnen einzuführen. Und Schmid sei dann auch Pate gestanden, als die Stadt die barmherzigen Schwestern ins Krankenhaus geholt habe, womit sich die Pflege deutlich verbessert habe.

Auch in der Politik redete der Pfarrer mit. Als Abgeordneter der Patriotenpartei saß er im bayerischen Landtag. Und dort habe Schmid, so Rosenegger, für die Eigenständigkeit Bayerns gekämpft – vergeblich jedoch. 1871 nach dem Sieg über Frankreich war Bayern mit dabei, als das deutsche Kaiserreich entstand. 

Auch auf eine „unglaubliche Geschichte“, wie er erzählte, stieß Rosenegger, als er sich mit den Verstorbenen beschäftigte. So hängen an den Wänden auch Grabplatten von Paulus und Barbara Katharina Käser. Deren Sohn Joseph Friedrich sei – in sittlich-moralischer Hinsicht – „total missraten“ gewesen. 


Ein Sohn, der „total missraten“ war 

Paulus Käser starb 1704 mit 72 Jahren. Salzmaieramtskassier und Sudschreiber war er gewesen. In die Fußstapfen, die er hinterließ, trat dessen Sohn, auch er ging in den Staatsdienst und übernahm eben diese hohen Ämter in der Verwaltung der Saline Traunstein. War Josef Friedrich Käser „fachlich geeignet“, Verantwortung zu übernehmen, so war er jedoch im „zwischenmenschlichen Bereich eine Katastrophe“, sagte Albert Rosenegger. Wiederholt habe der Salzmaieramtskassier und Sudschreiber Frauen sexuell belästigt.

Eines Abends etwa habe er sich an Eva Stadler vergriffen. Auf der Treppe, die von der Au in die Stadt hinauf geführt habe, habe er sich ihr genähert – in der eindeutigen Absicht, wie das Opfer später zu Protokoll gab, „unrechte Sachen“ vorzunehmen. Sie, Eva Stadler, habe dann alles daran gesetzt, „ehrlich und redlich“ zu bleiben, und habe sich dann mit aller Kraft von ihm losgerissen. 

Der „Lustmolch“, so Rosenegger, habe sein dreistes Treiben fortgesetzt und den Frauen immer wieder – vor allem dann, wenn er betrunken war – nachgestellt. Seine Übergriffe, übrigens nicht die einzigen eines hohen Beamten der staatlichen Salzverwaltung, die sich in der 300-jährigen Geschichte der Saline Traunstein (1619-1912) laut Rosenegger einiges zu Schulden kommen ließen, seien ein Skandal gewesen. Sie seien keineswegs unbemerkt geblieben, im Gegenteil, der Arm des Gesetzes habe den Übeltäter schließlich erreicht. 

Doch die Gerichte, die sich mit dem Fall befassten, waren laut Rosenegger vorsichtig im Umgang mit dem hohen Herrn. Und so ließ der Richter in Kling, der sich letztinstanzlich mit dem Geschehen befasste, die, so die damalige Sprachregelung dann, „unanständige Lebensart“ ungeahndet. Die einzige „Auflage“: Er solle sich doch aus dem Staub machen. Käser sei in Kling zu keine Strafe verurteilt worden, allem Anschein nach habe er aber zumindest seinen Posten in der Salinenverwaltung verloren. Wo und wann er gestorben ist – darüber liegt der Mantel der Geschichte.


Gernot Pültz (Chiemgau-Zeitung)

  verziert    schlicht     vermodert
(Fotos: F. Baumann)

 

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